Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Viele ältere Menschen haben den Wunsch, wieder 'gebraucht' zu werden"

Silke Marzluff ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin und seit 2012 Geschäftsführerin beim Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung in Freiburg (zze). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Aktives Altern, Demografischer Wandel und Unternehmensengagement. Frau Marzluff berichtet im Interview, dass insbesondere die „jungen Alten" immer häufiger die eigene, freie Zeit für andere nutzen und sich mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen aktiv in die Gesellschaft einbringen möchten. 

Sie haben das Modellprogramm „Aktiv im Alter" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2008–2012) wissenschaftlich begleitet. Was war das Ziel des Programms?

Mit dem Programm „Aktiv im Alter" wurden zwei wichtige Ziele verfolgt: Zum einen wurden ältere Bürgerinnen und Bürger zu gesellschaftlichem Engagement und Mitbestimmung in ihren Kommunen ermutigt. Außerdem sollten vor Ort transparente Informationswege und Beteiligungsformate durch neue oder verbesserte Kooperationen zwischen lokalen Akteurinnen und Akteuren für sie eröffnet werden. An 24 Standorten deutschlandweit waren Mehrgenerationenhäuser als Kooperationspartner in das Programm eingebunden oder haben es federführend umgesetzt.

Zunächst wurden in allen teilnehmenden Kommunen die lokalen Bedarfe ermittelt. Warum war das ein wichtiger erster Schritt?

In vielen Kommunen oder Landkreisen gab es bereits zahlreiche Angebote und Beteiligungsmöglichkeiten für Seniorinnen und Senioren. Diese Angebote waren oftmals aber nicht koordiniert und vernetzt. Es fehlten beispielsweise feste Informationsstellen für ältere Menschen. Im Programm „Aktiv im Alter" wurden aus diesem Grund so genannte „Bürgerforen" entwickelt. Unter dem Motto „Wie wollen wir morgen leben?" wurden dabei die lokalen Bedarfe ermittelt. Die Bürgerforen mündeten jeweils in eine Beschlussfassung und konkrete Ideen in vielen kommunalen Handlungsfeldern. Ältere Menschen erhielten damit die Möglichkeit, eigene Projekte zu entwickeln und für das Gemeinwesen aufzubauen.

Wie engagieren sich ältere Menschen konkret und welche Rolle spielen die Mehrgenerationenhäuser dafür?

Ältere Menschen haben viele eigene Angebote entwickelt und bieten diese auf freiwilliger Basis für andere an. Das kann ein gemeinsamer Spielenachmittag sein, Englischkurse oder eine wöchentliche Spazier- oder Radfahrgruppe. Das, was die Bürgerforen geleistet haben, passiert heute vielerorts auch in den Mehrgenerationenhäusern: Die Häuser bündeln Angebote und Dienstleistungen und wissen über die lokalen Bedarfe sehr gut Bescheid. Sie bieten älteren Menschen die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und sich freiwillig zu engagieren. Dabei entstehen Projekte von älteren Menschen für ältere Menschen, aber natürlich auch viele intergenerative Angebote.

Warum ist generationenübergreifender Austausch für Jung und Alt gleichermaßen gewinnbringend?

Bei der Auswertung des Modellprogramms hat sich gezeigt, dass Seniorinnen und Senioren von intergenerativen Angeboten auf ganz unterschiedliche Weise profitieren können. Zum einen bringen sie sich mit ihrem eigenen Wissen und Können aktiv ein, indem sie ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben. Hier fallen mir etwa Vorlesepatinnen und -   paten oder Leihgroßeltern ein. Zum anderen profitieren die älteren Menschen aber auch von den Erfahrungen der Jungen. Ich weiß, dass in vielen Mehrgenerationenhäusern Computer- oder Handykurse von jungen Menschen für ältere Menschen angeboten werden und im Gegenzug zum Beispiel alte Handarbeitstechniken oder Kochrezepte an Jugendliche vermittelt werden. Der intergenerative Austausch ist also eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten – ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Inwiefern profitiert unsere Gesellschaft von den Potenzialen und Kompetenzen aktiver Seniorinnen und Senioren?

Die Quote der älteren Menschen, die sich freiwillig engagiert, ist relativ hoch – das ist eine sehr positive Entwicklung für unsere Gesellschaft. Es müssen aber auch attraktive Angebote geschaffen werden, um die Engagementbereitschaft älterer Menschen weiter zu fördern. Eine wichtige Zielgruppe scheint mir die Generation der „jüngeren Alten", die vom Beruf in den Ruhestand wechselt. Viele Menschen in der nachberuflichen Phase genießen zunächst die neuen Freiheiten jenseits des beruflichen Alltags. Aber nach einer Weile entsteht bei vielen der Wunsch, wieder „gebraucht" zu werden. Die jüngeren Seniorinnen und Senioren sind dann auf der Suche nach Engagementmöglichkeiten. Hier können die Mehrgenerationenhäuser zentrale Anlaufpunkte sein. An vielen Orten setzen die Häuser das auch schon sehr gut um – und sind zu zentralen Knotenpunkten für Freiwilliges Engagement geworden. Viele andere Häuser sind dabei, entsprechende Möglichkeiten zu entwickeln: Gemeinsam mit Kommunen und Kooperationspartnern finden sie Antworten auf den demografischen Wandel – eine ermutigende Perspektive!