Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Die Fortbildung Freiwillig Engagierter ist ein zentraler Punkt!"

Im November 2012 hat das Mehrgenerationenhaus Greifswald mit engagierter Unterstützung der Herbert Quandt-Stiftung die „Bürger-Akademie Vorpommern – Norddeutsches Bildungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement" eingerichtet. Dr. Monika Meyer-Klette, Leiterin des Mehrgenerationenhauses Greifswald und Dr. Roland Löffler, Leiter des Themenfeldes „Bürger und Gesellschaft" der Herbert Quandt-Stiftung, berichten im gemeinsamen Interview, wie es zu der Zusammenarbeit kam und was die Bürger-Akademie in der Region Vorpommern leistet.

Wie ist es zur Zusammenarbeit zwischen dem Mehrgenerationenhaus Greifswald und der Herbert Quandt-Stiftung gekommen?

Dr. Löffler: Die Herbert Quandt-Stiftung betreibt seit ungefähr einem Jahr das Programm „Bürger. Innen. Land – Für eine aktive Zivilgesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern." Mit den Projekten im Programm wollen wir die Bürgergesellschaft und das Freiwillige Engagement in der Region stärken. Dabei verfolgen wir einen partizipativen Ansatz, mit dem wir so viele Menschen wie möglich dazu motivieren wollen, sich für andere einzusetzen. Wichtigster Anknüpfungspunkt für neue Projekte sind verlässliche Partner, die tolle Ideen haben und über Erfahrung vor Ort verfügen. So kamen wir recht schnell auf das Mehrgenerationenhaus in Greifswald und Frau Dr. Meyer-Klette. Seit Sommer letzten Jahres sind wir nun gute Partner und wollen das mindestens auch die nächsten fünf Jahre bleiben.

Dr. Meyer-Klette: Wir wollten unseren Freiwillig Engagierten im Mehrgenerationenhaus die Möglichkeit bieten, sich weiterzubilden. So waren wir froh, mit der Herbert Quandt-Stiftung einen Partner gefunden zu haben, der dasselbe Ziel verfolgt. Gemeinsam haben wir dann die Bürger Akademie Vorpommern gegründet und den ersten Ausbildungskurs für Freiwilliges Engagement mit dem Schwerpunkt Patenschaften ins Leben gerufen. Es folgten weitere Kurse, die wir nicht nur in Greifswald, sondern auch im ländlichen Raum durchführen.

Frau Dr. Meyer-Klette, welche Inhalte werden an der Bürger Akademie gelehrt?

Dr. Meyer-Klette: Im Moment konzentrieren wir unsere Arbeit auf zwei Themenfelder. Zum einen schulen wir Freiwillig Engagierte für Patenschaftsprojekte. Als Patinnen und Paten helfen sie Menschen, die im Alltag Unterstützung oder Förderung brauchen. So haben wir zum Beispiel einen türkisch-stämmigen jungen Mann mit Assistenzbedarf, der mit seinem Paten, einem älteren Herrn, einmal die Woche ins Fitnessstudio geht und sich zeigen lässt, wie die Fitnessgeräte funktionieren und welche Übungen besonders für ihn geeignet sind. Ziel ist, dass er künftig allein ins Fitnessstudio gehen kann. Der junge Mann braucht Lebenswegbegleitung und erhält sie durch seinen Paten. Ein lebendiges Beispiel für unseren generationenübergreifenden Ansatz im Mehrgenerationenhaus.

Zum anderen haben wir in den letzten zwei bis drei Jahren unsere Arbeit zum Thema Demenz verstärkt. Wir schulen hier nicht nur Freiwillig Engagierte, die Hilfe und Unterstützung für Angehörige von demenziell Erkrankten leisten können, sondern auch Polizisten, Verkaufspersonal und Bankangestellte, die sich aus eigenem Antrieb für den Umgang mit demenziell erkrankten Menschen ausbilden lassen.

Frau Dr. Meyer-Klette, wie kann das Mehrgenerationenhaus Greifswald von speziell ausgebildeten Freiwillig Engagierten profitieren?

Dr. Meyer-Klette: Der Großteil unserer Projekte in der Region wird von Freiwillig Engagierten geleitet. Wir haben unter anderem 50 Seniortrainerinnen und Seniortrainer bei uns im Mehrgenerationenhaus. Das sind Menschen im Vorruhestand oder im Ruhestand, die an der Bürger Akademie Vorpommern eine Ausbildung auf dem Gebiet des Freiwilligen Engagements gemacht haben. Durch die wunderbare Förderung der Herbert Quandt-Stiftung sind wir sogar in der Lage, für diese Aus- und Weiterbildung Fachleute von außen in das MGH-Team zu holen, die uns mit ihrem Fachwissen weiterhelfen können. Zugleich ist das ein wichtiger Teil der Anerkennungskultur, die wir prägen wollen. Insofern profitiert das Mehrgenerationenhaus sehr stark davon, wenn die Freiwillig Engagierten durch eine gute Ausbildung noch motivierter sind und durch Unterstützung Dank erfahren.

Dr. Löffler: Ich glaube, das Freiwillige Engagement lebt von einer notwendigen Wechselbewegung. Wir haben einerseits Freiwillig Engagierte, die sich mit großem Idealismus, viel Zeit und regelmäßig auch mit hoher Kompetenz in bestimmte Themengebiete einarbeiten, aber wir brauchen andererseits auch immer professionelle Kräfte, die Freiwillig Aktive anleiten und unterstützen. Insofern ist es auch Sinn unserer Förderung, dass verschiedene Expertinnen und Experten in der Akademie mitwirken können, die entsprechende Fortbildungen organisieren und Menschen begleiten. Derjenige, der dann fortgebildet ist, ist zwar noch kein Profi, hat aber ein viel besseres Rüstzeug, um sich in bestimmte Situationen hinein zu begeben. Insofern ist die Fortbildung ein wichtiger Impuls.

Wer sind diese Freiwillig Engagierten und engagieren sie sich in ihrem ehemaligen Berufsfeld?

Dr. Meyer-Klette: Von der Backwarenverkäuferin im Ruhestand bis zur Ärztin oder vom Maschinenbauingenieur bis zum ehemaligen Personalratsvorsitzenden der lokalen Arbeitsagentur ist alles vertreten. Engagierte aus allen sozialen Schichten und allen Berufsgruppen bringen sich bei uns ein. Einige möchten ihre Berufserfahrungen nutzen und andere wollen gern etwas ganz anderes machen. Zum Beispiel haben wir im Mehrgenerationenhaus einen Kraftwerksingenieur aus einem Atomkraftwerk in der Ukraine, der jetzt für polnische, schwedische und deutsche Künstlerinnen und Künstler Ausstellungen organisiert und Bildungsangebote für Seniorinnen und Senioren aus diesen Ländern ins Leben ruft. Die Gruppen treffen sich jedes Jahr mindestens ein Mal. Oftmals werden Vorträge und Workshops organisiert, die für den Austausch von Schweden, Polen und Deutschen sorgen.

Welches ist Ihre Vision für die Bürgerakademie Vorpommern und gibt es noch weitere Projekte, die sie gemeinsam planen? 

Dr. Löffler: Als nächstes setzen wir gemeinsam das Projekt „Lebensqualität im ländlichen Raum" um. Es geht darum, die Identität, den Zusammenhalt und das Kulturleben der Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern zu stärken. In dem Dorf Wackerow haben zum Beispiel Freiwillig Engagierte eine Dorfzeitung ins Leben gerufen. In einem anderen Ort wird nach Anregung des Mehrgenerationenhauses ein altes Schulhaus als Dorfgemeinschaftshaus umgebaut. So ist das Mehrgenerationenhaus  in den Dörfern um Greifswald aktiv und versucht, Projekte ins Leben zu rufen. Die Vision ist, dass die Bürger Akademie weiter wächst und dass – angeregt vom Mehrgenerationenhaus mit seinen vielfältigen Engagementmöglichkeiten sowie der offenen Haltung gegenüber neuen Engagementideen – immer mehr Leute mitmachen und die Bürgerakademie durchlaufen. Das ist gut für Greifswald und Vorpommern und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Dr. Meyer-Klette: Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Das ist genau das, was wir gemeinsam wollen.