Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Die generationenübergreifende Arbeit gibt Menschen eine Perspektive"

Frau Prof. Irmgard Teske ist Diplom-Psychologin und Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Zusammenleben der Generationen. Die Theorien, die dabei Basis für die wissenschaftliche Arbeit sind, bestätigen sich häufig durch ihre praktischen Erfahrungen, die sie im Mehrgenerationenhaus Markdorf sammelt.

Frau Prof. Teske, Sie sind seit vielen Jahren mit dem Mehrgenerationenhaus in Markdorf verbunden. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Ich bin seit den 1990er Jahren Mitglied des Familienforums Markdorf. Der Verein ist aus dem Zusammenschluss verschiedener örtlicher Krabbelgruppen hervorgegangen. Im Jahr 2006 haben wir uns entschieden, einen Antrag zur Aufnahme in das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhaus zu stellen. Wir waren von der Idee des Programms begeistert und sahen die Potenziale, die in diesem Programm vorhanden sind. Die erfolgreiche Bewerbung um die Aufnahme in das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser habe ich damals eng begleitet.

Seitdem bin ich dem Mehrgenerationenhaus Markdorf treu geblieben. Ich engagiere mich dort freiwillig, etwa durch die Moderation von Veranstaltungen, und sitze im Beirat des 2008 gegründeten Fördervereins, der sich für die Belange der Einrichtung stark macht, vor allem durch Öffentlichkeitsarbeit und Beschaffung von Mitteln, beispielsweise Beiträgen und Spenden.

Warum haben Sie ein Mehrgenerationenhaus mit aufgebaut und welche Rolle spielte Ihre Kommune hierbei?

Wir wollten unter anderem auf den demografischen Trend reagieren, nach dem es in den nächsten Jahrzehnten mehr Menschen über 55 Jahre als unter 55 Jahre geben wird. Vor diesem Hintergrund wollten wir einen Raum schaffen, der den Kontakt zwischen unterschiedlichen Menschen in der Kommune fördert. Hier zeigt das Mehrgenerationenhaus in der Praxis, wie unterschiedliche Generationen in einer älter werdenden Gesellschaft miteinander leben und lernen können.

Was die Kommune betrifft: Bürgermeister und Gemeinderat standen von Anfang an hinter der Idee.  So wurde uns zum Beispiel ein leerstehendes Pflegeheim bereitgestellt und der Umbau des Gebäudes finanziert.

In Ihrer wissenschaftlichen Arbeit setzen Sie sich auch mit dem Generationenbegriff auseinander. Wie spiegeln sich diese unterschiedlichen Definitionen von Generation auch in den Angeboten der Mehrgenerationenhäuser wider?

Wissenschaftlich kann man zwischen dem genealogischen, dem pädagogischen und dem historisch-soziologischen Generationenbegriff unterscheiden. Der genealogische Generationenbegriff beschreibt die Abfolge von Familienangehörigen wie Großeltern, Eltern, Kinder und Enkel. Der pädagogische Generationenbegriff bezieht sich immer auf zwei Gruppen, die in einem Lernverhältnis zueinander stehen. Dabei hat eine Gruppe die Funktion der Vermittelnden und die andere die Aufgabe des Lernens. Das Alter spielt hier keine Rolle, denn alle lernen stetig voneinander – gerade in der generationenübergreifenden Arbeit. Der historisch-soziologische Generationenbegriff beschreibt Menschen, die bestimmte historische, politische, kulturelle oder soziale Ereignisse gemeinsam erlebt und ähnlich verarbeitet haben, wie zum Beispiel die Nachkriegsgeneration oder die sogenannte Generation der 68er. Die unterschiedlichen intergenerationellen Angebote der Mehrgenerationenhäuser beziehen sich folglich auf unterschiedliche Generationenbegriffe: Erzählcafés auf den historisch-soziologischen Generationenbegriff, Angebote zu Wahlgroßeltern bauen auf dem genealogischen oder Theaterprojekte auf dem pädagogischen Generationenbegriff auf.

Welche Bedeutung haben Ihrer Meinung nach die generationenübergreifenden Angebote in den Mehrgenerationenhäusern für unsere Gesellschaft?

Mehrgenerationenhäuser mit ihren vielfältigen Angeboten sind Lernfelder für ein gelungenes Miteinander nicht nur der Generationen, sondern auch unterschiedlicher Nationen, Religionen oder Berufe. Dieses Miteinander sollte immer von Respekt, Anerkennung und Wertschätzung geprägt sein. Wir gehen dann gut miteinander um, wenn wir keine Vorurteile haben, zum Beispiel zwischen Jungen und Alten. Um diese Vorteile ab- sowie Toleranz und soziales Kapital aufzubauen, brauchen wir Orte, wo wir uns begegnen, wo wir ins Gespräch kommen und uns kennenlernen können. Nur wenn Menschen sich kennen, können sie auch Verantwortung füreinander übernehmen und somit Zukunftsaufgaben besser bewältigen. Die generationenübergreifende Arbeit leistet so einen entscheidenden Beitrag zur Zukunftsfähigkeit und nachhaltigen Entwicklung einer Kommune. Sie ermöglicht kreative und gemeinschaftliche Lösungen, indem sie Eigeninitiative und soziale Verantwortung miteinander verbindet.

Zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und Integration fällt mir spontan ein junger Mann aus unserem Mehrgenerationenhaus in Markdorf ein. Er kam mit seiner kleinen Tochter zu uns, um seine vom Gericht angeordneten Sozialstunden abzuleisten. Er fühlte sich durch die wohlwollende und unterstützende Atmosphäre im Mehrgenerationenhaus so wohl, dass er sich bis heute freiwillig im Haus engagiert.

Hier deutet sich bereits an, dass sich die generationenübergreifende Arbeit auch auf individueller Ebene auswirkt. Welche Vorteile sehen Sie in der generationenübergreifenden Arbeit für den Einzelnen?

Ein zentraler Aspekt des Aktionsprogramms Mehrgenerationenhäuser ist die Stärkung des menschlichen Miteinanders und das Ermöglichen von direkten Beziehungen. Das gibt dem Einzelnen Impulse, regt an und motiviert. Generationenübergreifende Arbeit stärkt die Fähigkeiten und Potenziale sowohl bei den Freiwillig Engagierten als auch bei den Nutzerinnen und Nutzern der Angebote in den Häusern. In der Wissenschaft wird hier oftmals auf das Konzept der Selbstwirksamkeit nach dem Psychologen Albert Bandura verwiesen. Es nimmt an, dass Menschen, die erleben, dass sie aktiv Situationen beeinflussen und ihre Umwelt mit gestalten können, sich immer mehr zutrauen und bereit sind, Herausforderungen anzunehmen. Das können wir jeden Tag in den Mehrgenerationenhäusern beobachten. Das gemeinsame  Arbeiten im Mehrgenerationenhaus stärkt eigene Potenziale und ermöglicht dadurch persönliche Weiterentwicklungen. Sie gibt Menschen eine Perspektive, auch in beruflicher Hinsicht.

Können Sie uns auch hierzu ein Beispiel aus dem Mehrgenerationenhaus Markdorf nennen?

Ein Beispiel ist eine junge, alleinerziehende Mutter, die in der 13. Klasse ihr erstes Kind bekommen hat und deshalb ihr Abitur nicht machen konnte. Im Mehrgenerationenhaus konnte sie eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolvieren und damit die Fachhochschulreife erlangen. Da wir ihr nicht alle Ausbildungsinhalte im Mehrgenerationenhaus Markdorf anbieten konnten, haben wir unser starkes Netzwerk aktiviert. So konnte sie einige Ausbildungsinhalte bei sehr guten Einrichtungen vor Ort absolvieren. Inzwischen schreibt diese junge Frau ihre Bachelor-Arbeit an der Hochschule in Weingarten an der Fakultät Soziale Arbeit und wird demnächst selbst als Sozialarbeiterin tätig sein. Das wäre ohne die Unterstützung des Mehrgenerationenhauses Markdorf und seinem Netzwerk nicht möglich gewesen. Gemeinsam wurde mit Kreativität eine Lösung gefunden.