Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Der Kontakt zu den Älteren ermöglicht nachhaltige Integration"

Täglich kommt im Mehrgenerationenhaus Mühlhausen in Thüringen der „Interkulturelle Mädchen-Treff" zusammen. Um Zuwandererinnen für die Gruppe zu begeistern, besucht die Projektkoordinatorin Monika Meyer regelmäßig das Asylbewerberheim der Stadt. Im Interview berichtet sie von den Hürden, auf die sie dabei stößt, von ihren Erfolgserlebnissen und warum die niedrigschwelligen Angebote des Mehrgenerationenhauses sich ideal für die Arbeit mit den Mädchen aus Flüchtlingsfamilien eignen.

Sie arbeiten im Mehrgenerationenhaus Mühlhausen vor allem mit jungen Mädchen. Wie erreichen Sie Ihre Kursteilnehmerinnen?

Wir geben den Mädchen einfach Freiraum, etwas Eigenes zu entwickeln. Häufig haben die Besucherinnen eine Idee zu einem Thema, das sie interessiert, und daraus entsteht dann ein Projekt oder Kurs. Ziel unserer Arbeit ist es vor allem, den Mädchen eine Plattform für solche Ideen zu bieten und sie dann bei der Umsetzung zu unterstützen. Die offene Atmosphäre im Haus lässt die jungen Frauen immer wieder mit anderen Nutzerinnen und Nutzern zusammen kommen. Aus diesen Begegnungen entstehen dann wiederum neue Ideen.

Können Sie das vielleicht anhand eines Beispiels veranschaulichen?

Im vergangenen Jahr hat eine meiner Mädchengruppen nach Gesprächen mit älteren Besucherinnen und Besuchern begonnen, sich mit der Geschichte des Gebäudes auseinander zu setzen, in dem das Mehrgenerationenhaus untergebracht ist. Es war in der Nachkriegszeit ein Jugendhaus und manche der Seniorinnen und Senioren, mit denen sie sprachen, konnten sich noch daran erinnern, wie sie selbst hier als Jugendliche ihre Sommer verbracht haben. Daraus ist ein „Zeitspringerprojekt" entstanden. Gemeinsam mit den jungen Einwanderinnen haben wir dann in Stadtarchiven gestöbert und noch einmal gezielt einige ältere Besucherinnen und Besucher interviewt. Am Schluss kam eine kurze Präsentation zustande, die sogar im Thüringer Landtag gezeigt wurde.

Ein Fokus Ihrer Arbeit liegt auf dem Zusammenbringen von Mädchen mit verschiedenen sozialen Hintergründen. Auf was für Hürden stoßen Sie dabei?

Gerade Mädchen mit Migrationshintergrund sind manchmal etwas schwerer zu erreichen. Um sie dennoch für die Aktivitäten in unserem Mehrgenerationenhaus zu begeistern, besuche ich regelmäßig das örtliche Asylbewerberheim und arbeite mit den jungen Frauen zunächst vor Ort. Die niedrigschwelligen Angebote unseres Hauses eignen sich bestens, um einen ersten Kontakt zu den Kindern oder jungen Erwachsenen aufzubauen, die oft eine Fluchthistorie hinter sich haben. Der Kontakt zu ihnen ermöglicht dann im zweiten Schritt eine nachhaltige Integration. Uns ist es wichtig, dabei insbesondere die Mädchen und Frauen der Familien anzusprechen, da sie ohne unsere Angebote oft stärker von der Gesellschaft abgeschottet bleiben als die Jungen und Männer.

Wie binden Sie die Eltern ein?

Oft wenden wir uns zunächst an die Eltern, um ein erstes Vertrauen herzustellen. Das hat auch den Vorteil, dass anschließend meist mehrere Familienmitglieder unser Mehrgenerationenhaus besuchen. Zuletzt hatten wir hier eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak. Da kam erst der Vater und hat Deutschkurse an unseren Computern belegt, dann die Mutter, die Hilfe bei einem Behördengang benötigte, und schließlich die beiden Töchter, die einfach Mädchen in ihrem Alter treffen wollten. Obwohl sie kaum Deutsch sprachen, haben sich die Beiden gut in die Gruppe integriert. Es war wirklich schön zu beobachten, wie sie mit Händen und Füßen den Kursteilnehmerinnen von ihrer Heimat und der Flucht erzählt haben.

Wie schaffen Sie es, soziales Gefälle zu überwinden?

Das machen die Teilnehmerinnen meistens ganz von allein. Vergangenen Sommer habe ich zum Beispiel eine sozial stark gemischte Gruppe acht bis zwölfjähriger Mädchen betreut. Vor den Sommerferien schwärmten manche Teilnehmerinnen von ihren Urlaubszielen, während anderen klar war, dass sie auch diese Ferien wieder zuhause verbringen werden. Eines der Mädchen, das mit ihrer alleinerziehenden arbeitslosen Mutter und zwei Geschwistern lebt, erzählte in der Gruppe, dass sie noch nie im Urlaub war und gar nicht wisse, wie sich das eigentlich anfühle. Alle um sie herum zeigten ihr Bedauern. Kurzerhand entschlossen sich die Mädchen einfach gemeinsam wegzufahren. Am Anfang schien es unrealistisch, aber schließlich klappte es doch und sie fuhren alle zusammen in den Harz. Die Zwölfjährige war überglücklich und die Reise hat den Zusammenhalt der Gruppe über die sozialen Grenzen hinweg sehr gestärkt.