Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Expertinneninterview mit Katrin Ballandies

Das Mehrgenerationenhaus in Ludwigsburg ist seit acht Jahren aktiv, um die Bürgerinnen und Bürger in Ludwigsburg an politischen Prozessen zu beteiligen. Das Haus spielt dabei gleich mehrere Rollen: Das Quartiersmanagement ist im Mehrgenerationenhaus angesiedelt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter moderieren Dialogangebote und sie vermitteln zwischen der Verwaltung und den Bürgerinnen und Bürgern.

Frau Ballandies, das Mehrgenerationenhaus Ludwigsburg bietet verschiedene Formate an, durch die sich Bürgerinnen und Bürger am gesellschaftlichen und politischen Leben der Stadt beteiligen können. Welche Formate sind es, die Sie vor Ort etabliert haben?

Ein eigentlich ganz einfaches Angebot ist unser Briefkasten: Die Ludwigsburgerinnen und Ludwigsburger können aufschreiben, was sie stört, was sie verändern wollen oder was ihnen Sorgen bereitet. Wenn sie ihren Brief einwerfen, wissen sie, dass wir ihre Anliegen weiterleiten und ihnen Rückmeldung zum Stand der Dinge geben. Wir sind in der Kommune sehr gut vernetzt, da wir Mitglied in mehreren Projektgruppen sind und auch das Quartiersmanagement bei uns angesiedelt ist. Ein wichtiger Teil des Stadtentwicklungskonzepts in Ludwigsburg ist, dass alle Erkenntnisse und Ziele aus den Beteiligungsprozessen in Masterplänen zu den elf Zukunftsthemen der Stadt festgehalten werden. Dadurch können alle die gemeinsam gefassten Ziele im Blick behalten und sich einen Überblick verschaffen, ob Pläne bereits umgesetzt wurden. Das Mehrgenerationenhaus ist explizit als Stadtentwicklungsziel und als Meilenstein im Masterplan „Zusammenleben von Generationen und Nationen" genannt.

Wie motivieren und unterstützen Sie die Menschen dabei, sich zu beteiligen?

Wenn es um Beteiligungsprozesse innerhalb des Stadtteils geht, finden diese meist bei uns im Mehrgenerationenhaus statt. Wir laden dazu landespolitische und kommunale Vertreterinnen und Vertreter zu uns ein. Die Bürgerinnen und Bürger, die diese Angebote nutzen, kennen sich meist bei uns im Haus aus, sie sind hier Gäste oder Aktive und befinden sich auf „sicherem Terrain" – das gibt ihnen auch sehr viel Sicherheit im Auftreten und in den Diskussionen.

Das Mehrgenerationenhaus Ludwigsburg liegt in einem Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf. Sehen Sie neben den sicher großen Herausforderungen auch besondere Chancen, die man für Beteiligungsprozesse fruchtbar machen kann?

Eine große Chance liegt in dem Willen der Bewohnerinnen und Bewohner, ihren Stadtteil attraktiver zu machen. Sie können die Problemlagen, die aus ihrer Sicht wichtig sind, an das Mehrgenerationenhaus herantragen. Eine weitere Chance besteht darin, dass der Stadtteil sich im Wandel befindet. Hier liegen viele Möglichkeiten, zu experimentieren, auch mal zu scheitern und vor allem neue und andere Wege zu gehen.

Ludwigsburg ist eine Stadt, in der es deutliche Kontraste in den Lebens- und Einkommensstrukturen der Bevölkerung gibt. Wie schafft man es, die verschiedenen Interessen in einen Austausch zu bringen?

Hier hat sich das Mehrgenerationenhaus und insbesondere der Offene Treff bewährt: Die Menschen kommen auf neutralem Boden zusammen, sie können sich ungezwungen unterhalten und begegnen sich eher beiläufig – das öffnet füreinander. Außerdem können wir gerade durch die Neutralität auch in schwierigen oder sehr emotionalen Fragen als Vermittlungsinstanz auftreten.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Im vergangenen Jahr hat die Unterbringung von 200 Flüchtlingen in unserem Stadtteil zu sehr emotionalen Diskussionen geführt. Durch eine Informationsveranstaltung, auf der wir als Vermittlerin fungierten, konnte ein Freundeskreis Asyl hervorgehen, zu dem sich nun regelmäßig Flüchtlinge, Engagierte und Interessierte treffen. Besonders erfreulich ist es natürlich, wenn Menschen, die zunächst gegen die Unterbringung von Flüchtlingen waren, nun durch die Begegnung zu Unterstützerinnen und Unterstützern werden. Hier liegt meines Erachtens das große Potenzial der Mehrgenerationenhäuser.

Gibt es Erfahrungen, die Sie anderen Mehrgenerationenhäusern oder auch den Kommunen mit auf den Weg geben können, damit die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern gelingen kann?

Für mich hat sich ganz deutlich gezeigt, dass eine offene Kommunikation und transparentes Vorgehen die Basis dafür sind, dass die Menschen Vertrauen fassen. Wenn die Menschen Rückmeldung erhalten, ob ihre Anliegen umgesetzt werden können oder nicht – und wenn nicht, warum eine Umsetzung nicht möglich ist. Wenn man erfährt, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden, und wenn man sieht, dass die Beteiligung etwas bringt, dann sind die Menschen motiviert sich einzubringen und aktiv das Zusammenleben zu gestalten.