Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Das Mehrgenerationenhaus ist die Seele des Stadtteils"

Dr. Thomas Jung ist seit 2002 Oberbürgermeister der Stadt Fürth. Vernetzungsarbeit im Quartier, die Stärkung des generationenübergreifenden Miteinanders und Kosteneinsparungen für die Kommune: Im Interview erläutert Dr. Jung, was er am Mehrgenerationenhaus Fürth schätzt. Zudem stellt er das Projekt „Familienpaten" genauer vor.

Seit 2006 gibt es in Fürth ein Mehrgenerationenhaus. Wie fügt sich das Haus in seinen Stadtteil ein?

Das Mehrgenerationenhaus liegt in innerstädtischer Lage in einem sehr durchmischten Stadtteil. Hier leben sozialschwache Menschen mit Migrationshintergrund und Hochschulprofessorinnen und -professoren Tür an Tür. In unmittelbarer Nähe gibt es zwei Grundschulen, ein Kinderzentrum, eine Kinderbücherei, eine Senioreneinrichtung, eine Volkshochschule und verschiedene Wohlfahrtsverbände. Das Mehrgenerationenhaus bildet dabei ein Zentrum, in dem die verschiedenen Fäden zusammen laufen – wenn sie so wollen, eine Art Seele des Stadtteils.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Es besteht ein reger Austausch zwischen dem Mehrgenerationenhaus und allen Akteuren im Kiez – aber auch mit der Wirtschaft vor Ort. Ein besonderes Angebot ist etwa das Projekt „Familienpaten", das in Zusammenarbeit mit der kommunalen Erziehungsberatung umgesetzt wird. Dabei übernehmen Freiwillig Engagierte aus dem Mehrgenerationenhaus Patenschaften für Familien, die mit Problemen zu kämpfen haben. Sie besuchen sie zu Hause, machen gemeinsame Ausflüge oder helfen den Kindern als Bildungspatinnen und -paten beim Hausaufgabenmachen. 

Wer nutzt dieses Angebot?

In der Regel sind es Familien, die nach einer Konfliktsituation fachlich beraten wurden und durch die Patenschaft im Anschluss daran weiterhin im Alltag unterstützt werden. Mir ist beispielsweise ein Fall eines am Fraunhofer Institut beschäftigten Professors bekannt, der sich intensiv um einen Schüler mit Lernschwierigkeiten gekümmert hat. Als der Junge schließlich seine Mittlere Reife schaffte, war der Mann fast den Tränen nahe. Oft sind es ältere Menschen oder Frührentnerinnen und -rentner, die sich als Patinnen und Paten einbringen, sodass auch ein Wissenstransfer zwischen den Generationen erfolgt. Aber auch Studentinnen und Studenten engagieren sich. Um sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten, schulen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erziehungsberatung die Patinnen und Paten, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen.

Besuchen Sie selbst ab und zu das Mehrgenerationenhaus?

Ich komme zwei bis drei Mal im Jahr vorbei. Mir gefällt der Austausch mit den Menschen vor Ort. Dort kann ich die verschiedensten Menschen treffen: Empfängerinnen und Empfänger von Hartz IV genauso wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der großen innerstädtischen Unternehmen. Aber man muss gar nicht ins Mehrgenerationenhaus gehen, um ein Bild davon zu bekommen. Denn das Mehrgenerationenhaus hat Strahlkraft auf die umliegenden Einrichtungen. Wenn ich etwa die Senioreneinrichtung um die Ecke besuche, stelle ich immer wieder fest, dass dort mittlerweile nach den gleichen Ansätzen gearbeitet wird: Generationen zusammenbringen und Freiwilliges Engagement stärken. Dort herrscht ein sehr ähnlicher Geist.

Wie würden Sie diesen Geist beschreiben?

Nehmen Sie meinen letzten Besuch im Mehrgenerationenhaus. Das war anlässlich einer Großspende, die ein Unternehmen dem Haus zur Sanierung des Gartens überreicht hatte. Alle haben gemeinsam im Garten gearbeitet: Eltern mit ihren Kindern, Seniorinnen und Senioren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der umliegenden Geschäfte. Es war eine wunderbar ausgelassene Atmosphäre, geprägt von Teamgeist und Kreativität – wie ein großes Stadtteilfest.

Wirkt sich die Arbeit des Mehrgenerationenhauses auch finanziell positiv auf Ihre Kommune aus?

Das ist in der Tat so. Ohne die Angebote des Mehrgenerationenhauses würde beispielsweise unser Sozialdienst viel stärker belastet werden. Die Arbeit im Haus wirkt sich besonders auf sozial schwache Familien festigend aus. Hätten wir diese Stabilisierung nicht, müssten wir viel mehr Ressourcen in Hausbesuche investieren, wir müssten aber wahrscheinlich auch mehr Kinder aus den Familien nehmen und in Heimen betreuen lassen. Das wäre nicht nur aus Kostengründen sehr bedauerlich.