Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

"Ein offener Ort für alle"

Seit mehr als zehn Jahren kooperiert die Bürgerstiftung Braunschweig mit dem örtlichen Mehrgenerationenhaus. Monika Döhrmann, Geschäftsführerin des Mehrgenerationenhauses, und Susanne Hauswaldt, Projektkoordinatorin bei der Bürgerstiftung, sprechen im Interview über die Beweggründe ihrer Zusammenarbeit und das Ziel, Brücken zwischen Generationen und sozialen Milieus zu bauen.

Schließen sich zwei Akteure für Projekte zusammen, steht eine konkrete Erwartung dahinter. Wie profitieren beide Seiten von der Kooperation?

Monika Döhrmann: Die Bürgerstiftung Braunschweig ist für uns vor allem deshalb interessant, weil sie uns sowohl finanziell unterstützt, etwa um die Hausaufgabenhilfe zu verbessern oder das Internetcafé auszubauen, als auch Angebote zur Förderung des Freiwilligen Engagements organisiert, von denen das Mehrgenerationenhaus profitiert. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „Brücken bauen", das von der Bürgerstiftung vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde.

Susanne Hauswaldt: Im Rahmen dieses Projekts, das 2007 startete und einmal im Jahr umgesetzt wird, verlassen Beschäftigte verschiedener Unternehmen Braunschweigs für einen Tag ihren Arbeitsplatz, um gemeinnützige Organisationen und Einrichtungen zu unterstützen. Um es erfolgreich umsetzen zu können, brauchen wir zuverlässige Partner und öffentliche Treffpunkte, die es uns ermöglichen, Menschen aus allen Altersgruppen und sozialen Milieus zu erreichen. Da das Mehrgenerationenhaus all diese Eigenschaften aufweist, entwickelte sich schnell für beide Seiten eine Win-win-Situation.

Welche Rolle spielt das Mehrgenerationenhaus bei dem Projekt?

Döhrmann: Wir gehören zu den sozialen Einrichtungen, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Unternehmen im Rahmen des Projekts engagieren können. Knapp drei Monate vor jedem Aktionstag nehmen wir zusammen mit anderen Trägern an einer speziellen Projektbörse teil, die bei einem der beteiligten Unternehmen stattfindet und bei der wir potenzielle Einsatzfelder in unserem Mehrgenerationenhaus präsentieren. Dort können die Vertreterinnen und Vertreter der Betriebe den ersten Kontakt zu uns aufbauen und sich ihr Lieblingsprojekt für den Aktionstag persönlich aussuchen.

Hauswaldt: Das Mehrgenerationenhaus bereichert das Projekt sehr, weil es den Beschäftigten der teilnehmenden Unternehmen vielfältige und verlässliche Einsatzmöglichkeiten bietet. Hier können sie sich mit der Praxis des Freiwilligen Engagements vertraut machen und Menschen begegnen, mit denen sie im Alltag bisher eher weniger zu tun hatten.

Was zeichnet die Aktionstage im Mehrgenerationenhaus aus?

Hauswaldt: Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis zu sehen, wie die Beteiligten aus allen Generationen und sozialen Milieus im Team zusammenarbeiten. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gern daran, wie vor drei Jahren an nur einem Tag fast alle Räume des Mehrgenerationenhauses neu gestrichen wurden. Das hätte nicht funktioniert, wenn nicht alle von morgens bis abends tatkräftig und hoch motiviert mitgeholfen hätten.

Döhrmann: Bei den Gesprächen, die zwischen den Beschäftigten der Unternehmen, den Hauptamtlichen und Freiwillig Engagierten im Mehrgenerationenhaus geführt werden, entsteht nicht nur ein generationenübergreifender, sondern auch ein sozialer Austausch. Wenn sich beide Seiten gut verstehen, kann der Aktionstag der Beginn längerfristiger Partnerschaften sein.

Können Sie diesen Gedanken bitte genauer ausführen?

Döhrmann: Über unsere Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung konnten wir viele Kontakte zu Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf- und ausbauen, was die Grundlage für eine Zusammenarbeit und Unterstützung in anderen Bereichen ist. Die Belegschaft einer Tochterfirma von VW hat uns beispielsweise mit einer Spende in beachtlicher Höhe bedacht für die Erweiterung unseres Mehrgenerationenhauses um einen Raum. Darüber hinaus organisieren wir in diesem Jahr mit dem gleichen Unternehmen einen Kindertag, an dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kindern Musikinstrumente basteln und ein Wissenschaftsmuseum im benachbarten Wolfsburg besuchen.

Gibt es denn Teilnehmende an den Aktionstagen, die sich im Anschluss freiwillig im Mehrgenerationenhaus engagieren?

Döhrmann: Ja, sowohl finanziell als auch ganz praktisch. Viele Spenden für unseren Secondhandladen, in dem die Besucherinnen und Besucher des Mehrgenerationenhauses für wenig Geld hochwertige Kleidung kaufen können, stammen beispielsweise von ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Aktionstages. Aus der Brückenbau-Aktion entwickelte sich etwa auch eine längere Kooperation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines kleinen Grafikbüros. Ursprünglich war nur geplant, während des Aktionstages drei unserer hauptamtlich Beschäftigten in einem Layout-Programm zu schulen, um unsere Vereinszeitung moderner gestalten zu können. Letztendlich wurde die Umgestaltung der Zeitung dann über ein ganzes Jahr lang begleitet. Dafür waren wir natürlich sehr dankbar.

Gibt es noch andere Projekte, die im Rahmen der Partnerschaft entstanden sind?

Döhrmann: Im letzten Sommer kam Frau Hauswaldt auf die Idee, einen mobilen Nutzgarten vor dem Mehrgenerationenhaus anzulegen und finanzierte uns hierfür die Pflanzen. Dank des Freiwilligen Engagements von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Siemens AG, die uns Erde, weitere Pflanzen und Paletten schenkte, entstanden ein selbstgebautes Tomatenhaus und viele Beete, auf denen wir Kräuter, Kürbisse und anderes Gemüse angebaut haben. Den Ertrag konnten wir für unseren Mittagstisch verwenden, den wir täglich im Mehrgenerationenhaus anbieten. Bei den Helferinnen und Helfern haben wir uns mit einem gemeinsamen Essen bedankt. In diesem Jahr haben Freiwillig Engagierte aus dem Mehrgenerationenhaus und viele Nachbarinnen und Nachbarn die Beete bepflanzt.

Inwiefern profitiert die Kommune von Ihrer Zusammenarbeit?

Hauswaldt: Die Kommune nimmt Aktionen wie „Brücken bauen" positiv wahr. Seitens der Stadt besteht ein großes Interesse am Austausch und der Begegnung von Bürgerinnen und Bürgern aus unterschiedlichen Altersgruppen und sozialen Milieus. Dazu leistet unsere Zusammenarbeit einen wichtigen Beitrag. Das Mehrgenerationenhaus schafft einen offenen Ort für alle Bürgerinnen und Bürger und die Bürgerstiftung agiert als Mittlerin zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt.

Döhrmann: Ein gutes Miteinander im Quartier ist nur möglich, wenn über Begegnungen im Alltag das Verständnis füreinander wächst. Hierfür setzen sich Bürgerstiftung und Mehrgenerationenhaus gemeinsam ein. Die Stadt weiß um den Wert unserer Arbeit, was sich allein darin zeigt, dass sie das Mehrgenerationenhaus finanziell unterstützt – weit über den Anteil hinaus, den die Kommune im Rahmen des Aktionsprogramms II leisten muss.