Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Experteninterview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

„Wenn Menschen beim Tun kein Vergnügen haben, läuft etwas Grundsätzliches falsch.“ – Experten-Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus und ist Komiker, Autor und Moderator. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Dr. Eckart von Hirschhausen engagiert sich mit seiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN für mehr Lachen im Krankenhaus sowie für Forschungs- und Schulprojekte.


Herr Dr. von Hirschhausen, Sie sind seit mehreren Jahren Schirmherr für das Mehrgenerationenhaus in Berlin-Zehlendorf, warum?

Die Mehrgenerationenhäuser sind für mich der ideale Ort, wo Ehrenamt und Hauptamt miteinander funktionieren. Ich freue mich über die Zusage einer beständigen Finanzierung, wobei der Bedarf ja noch viel größer ist und die Aufgaben gerade auch mit den Flüchtlingen ja keiner eingeplant hat.
Wenn ich Nachrichten sehe, denke ich, was für ein Glück, dass Menschen in Not heute in uns Deutsche und in dieses Land so viel Vertrauen setzen. Das war in unserer Geschichte schon anders. Im zweiten Weltkrieg kamen meine Großeltern nach Umsiedlung und Flucht aus Estland nach Baden-Württemberg. Alles nicht leicht, nicht selbstverständlich, aber sie lebten! Und sie bekamen Chancen auf Arbeit, Teilhabe und Bildung für ihre Kinder. Dafür bin ich bis heute dankbar, ohne das gäbe es auch mich nicht. Und deshalb engagiere ich mich mit den Mehrgenerationenhäusern für unsere Willkommenskultur.

In Ihrem Vortrag auf dem Tag der Mehrgenerationenhäuser 2015 sagten Sie: Engagieren macht glücklich. Warum ist das so?

Glück kommt selten allein! In den Mehrgenerationenhäusern finden viele Menschen mit einer offenen und neugierigen Grundhaltung zueinander. Jeder kann seine Stärken einbringen und hat das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und auch nach der Berufstätigkeit ist das Gefühl, gebraucht zu werden und zu etwas beizutragen, was über die eigene Existenz hinaus bedeutsam ist, ganz wesentlich für unser Wohlbefinden. Das zeigt sich an der seelischen Gesundheit wie auch der körperlichen. Salopp gesagt: Wer etwas für sich tun will, tut etwas für andere! Wer sich ehrenamtlich engagiert, lebt bis zu sieben Jahre länger.

Dennoch überfordern sich auch viele Engagierte, was sind die ersten Zeichen und was hilft dann?

Ein Warnsignal ist: Dinge, die einem normalerweise Spaß machen, berühren einen nicht mehr. Man verliert die Schwingungsfähigkeit, man geht in der Arbeit nicht mehr auf, sondern unter. Man brennt aus, statt für etwas zu brennen. Oft merken es Menschen in unserem Umfeld eher als wir selber, deshalb ist es gut, sich gegenseitig darauf hinzuweisen. Oft hilft schon ein Gespräch mit einer Vertrauensperson, das Eingestehen der eigenen begrenzten Möglichkeiten. Im sozialen Bereich ist immer mehr zu tun, als zu schaffen ist, deshalb ist es wichtig auch „Selbstfürsorge“ zu üben, d.h. gezielt dafür zu sorgen, dass man sich erholen kann und auftankt – kurz: mit sich selber nicht härter umgeht als mit jedem anderen, um nicht zu sagen: mit sich selbst befreundet zu sein.

Ihre Stiftung HUMOR HILFT HEILEN hat sich zum Ziel gesetzt, die Erkenntnisse der Positiven Psychologie in die Praxis umzusetzen, warum haben Sie eine Online-Trainings-Plattform kostenfrei ins Netz gestellt und wissenschaftlich evaluieren lassen?

Für mich ist Medizin und Psychologie viel zu lange als Geheimwissen gehandelt worden, dabei entsteht Gesundheit ja im Alltag. Die großen Herausforderungen unseres Gesundheitssystems wie die Demographie, Demenz, Diabetes, Mangel an Pflegekräften wird ja kein Roboter und keine Pille jemals lösen können. Wir brauchen motivierte, herzliche Menschen, die gerne für andere da sind. Als ich mit dem Buch „Glück kommt selten allein“ offenbar ein großes Bedürfnis nach verständlicher und unterhaltsamer Psychologie für alle getroffen hatte, wollte ich die wichtigsten Ideen und Übungen allen interessierten Menschen zur Verfügung stellen. Die Uni Coburg konnte den Nutzen tatsächlich belegen, sich gezielt jede Woche mit einer kraftbringenden Idee zu beschäftigen. Es hilft Stress abzubauen und eigene Stärken bewusster einzusetzen.

Wie ist Ihre Erfahrung, kann man Humor „lernen“?

Mit meiner Stiftung lassen wir im großen Rahmen medizinisches Personal schulen, ich bin überzeugt, dass man Humor lernen kann. Das darf man nicht falsch verstehen, es geht nicht darum, aus Pflegenden Clowns zu machen, oder etwas „vorzuspielen“. Viel eher kommt in den Übungen die eigene Persönlichkeit wieder zum Vorschein, der eigene mitfühlende und beobachtende Draht zum Anderen, die Freude im Kontakt, das Vertrauen auf die Kraft von Spontaneität in der Begegnung. Ein wichtiger Aspekt ist die eigene „Seelenhygiene“. Wie kann man belastende Dinge loslassen, was baut Stress und Anspannung ab und wie sorge ich gut für mich, damit ich auch für andere sorgen kann. Das ist alles leider nicht Teil der Ausbildung, weder für Mediziner noch für Pflegekräfte, da können wir mit den Workshops einen kleinen Beitrag leisten zu einem hoffentlich großen Umdenken.

Die Clowns in Kliniken – aber auch generell ehrenamtlich Engagierte – sind oft mit schweren Schicksalen konfrontiert, die für sie selbst auch belastend sind. Manche können damit leichter umgehen als andere – man spricht dann von „Resilienz“. Was bedeutet das?

Vereinfacht ist Resilienz unsere Widerstandskraft gegen Schicksalsschläge. Die Auswirkungen von Stress und negativen Gefühlen sind bestens bekannt und vielfach wurde untersucht, was uns krank macht. Erst in den letzten 30 Jahren wurde die Frage umgedreht: Was hält uns gesund? Und gerade diese Fähigkeiten, positive Gefühle, Humor und starke soziale Bindungen kann man trainieren und fördern.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen Humor und Resilienz?

Humor ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Gradmesser, denn lange bevor Mitarbeiter krank werden, verlieren sie den Spaß an den Dingen. Die Deutschen sagen gerne: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das mag im Bergwerk gelten, aber keiner der dies hier liest, verdient sein Geld durch körperliche Anstrengung, sondern für geistige Leistung. The Brain runs on fun (Spaß treibt das Gehirn an). Wenn Menschen beim Tun kein Vergnügen haben, läuft etwas Grundsätzliches falsch. Moderne Unternehmen versuchen deswegen gezielt, die kreative und spielerische Ader ihrer Mitarbeiter zu fördern und auch den Humor ernst zu nehmen, so paradox das klingt!

Ihre Mission ist auch, die Stimmung im Gesundheitswesen zu verbessern, z. B. mit Clowns im Krankenhaus und in der Pflege. Inwiefern hilft Lachen, Heilungsprozesse zu unterstützen?

HUMOR HILFT HEILEN hat 2008 angefangen, den Einsatz von Clowns in Krankenhäusern zu unterstützen. Inzwischen machen wir auch viele Workshops, Vorlesungen und Programme, um die Pflegekräfte und zukünftigen Ärzte zu sensibilisieren für Kommunikation und Seelenhygiene. Das dritte Segment sind Forschungs- und Bildungsprojekte zu „Glück, Gesundheit, Soziales Lernen als Schulfach“. Wir erarbeiten Unterrichtsmaterial, was kostenlos bald im Netz zur Verfügung steht. Humorinterventionen funktionieren auch bei Erwachsenen, nicht mit Clowns, aber mit Trainings, die wir bei Schlaganfallpatienten und Herzpatienten gerade untersuchen. Lachen hilft gegen Schmerzen. Das kann jeder ausprobieren: Hauen Sie sich mit einem Hammer zweimal auf den eigenen Daumen, einmal alleine und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie spüren den Unterschied. Alleine tut es lange weh. Wenn ich mit anderen lachen kann, lässt der Schmerz nach. Deshalb sollte niemand mit Schmerzen lange alleine sein und etwas zu lachen bekommen!