Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Sich gemeinsam für Menschen engagieren

Das Mehrgenerationenhaus in Rehau (Bayern) hat im Februar 2015 zu einem Bürgerdialog eingeladen, da es in der Stadt viele Fragen zu einer geplanten Flüchtlingsunterkunft gab. Mit Expertinnen und Experten konnten Fragen geklärt werden und es zeigte sich eine enorme Bereitschaft in der Bevölkerung, die erwarteten Flüchtlinge ehrenamtlich zu unterstützen.

Die Stadt Rehau hat über 9.000 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt im oberfränkischen Landkreis Hof. Am Waldrand befindet sich das Haus Tannenberg. Es war früher ein Schullandheim des Berliner Bezirks Zehlendorf und stand seit etwa zehn Jahren leer. Nachdem das Gelände 2013 von einem Investor zu Bauzwecken gekauft worden war, mietete die Landesregierung entgegen den ursprünglichen Planungen ab 2014 das Gebäude zur Unterbringung von Flüchtlingen, was zu Unsicherheiten in der Stadt führte.

Mehrgenerationenhäuser sind Orte, an denen die Menschen sich darüber austauschen, was sie bewegt – ein Rumoren ist hier also schnell zu hören. Birgit Weber, die Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses in Rehau, bekam daher früh mit, dass es in Rehau viele offene Fragen gab: Die Bürgerinnen und Bürger waren unsicher, ob und wenn ja, wann Asylbewerberinnen und -bewerber ins Tannenbergheim einziehen würden.

Um auf den Einzug der neuen Nachbarinnen und Nachbarn vorbereitet zu sein, trafen sich die Akteurinnen und Akteure verschiedener Institutionen der Stadt zunächst zweimal am Runden Tisch. Schnell wurde klar, dass ein öffentlicher Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern nötig war. Birgit Weber lud daraufhin ins Mehrgenerationenhaus ein. Diese Einladung stieß auf große Resonanz – mehr als 200 Menschen trafen sich im Februar 2015, um mit Expertinnen und Experten aus dem Bereich Flucht und Asyl zu diskutieren, was man für die Willkommenskultur in Rehau unternehmen könnte.

 

Aufklärung und Dialog: Die Basis der Willkommenskultur

„Die Leute hatten vor allem Fragen und es gab auch einige Ängste in der Bevölkerung", berichtet Birgit Weber. „Zu unserem Informationsabend war neben dem Bürgermeister, Michael Abraham, auch Herr Schöberlein, der die Asylsozialberatung der Diakonie in Hof koordiniert, anwesend. Er konnte bestehende Fragen rund um das Thema Flüchtlinge und Asyl beantworten." Außerdem war Dr. Franz, ein Arzt, der sich mit Traumatisierungen befasst hat, vor Ort. „Durch seine Erzählungen wurde Verständnis für die Situation von traumatisierten Flüchtlingen geschaffen", so Frau Weber.

Die Aufklärungsarbeit, die mit einer solchen Dialogveranstaltung geleistet wird, ist auch in den Augen von Michael Abraham, dem Rehauer Bürgermeister, die Grundvoraussetzung für eine Willkommenskultur. Birgit Weber und Michael Abraham bestätigen beide, dass sich die Stimmung in Rehau nach der Veranstaltung entspannt hat. „Die Leute sehen, dass alle bemüht sind, die Ankunft der Asylbewerberinnen und -bewerber so gut wie möglich zu gestalten. Es kamen sehr viele Angebote von den Rehauerinnen und Rehauern, die Menschen mit ganz konkreten Hilfen im Alltag zu unterstützen", erzählt Bürgermeister Abraham. So wollten Bürgerinnen und Bürger den Flüchtlingen beispielsweise Sprachunterricht geben oder den Flüchtlingskindern vorlesen. Einige Bürgerinnen und Bürger wollten die neuen Nachbarinnen und Nachbarn zu Ämtern oder Arztbesuchen begleiten, andere wiederum hatten die Idee, einen Fahrdienst zu organisieren. Ein erstes Koordinierungstreffen für das Freiwillige Engagement fand Ende März 2015 im Mehrgenerationenhaus statt.

 

Freiwilliges Engagement: konkrete Hilfen und Miteinander

Bürgermeister Michael Abraham sieht dabei den besonderen Mehrwert des Mehrgenerationenhauses: „Der Besuch im Mehrgenerationenhaus ist etwas anderes als der Gang zum Amt. Im Offenen Treff lernt man eben Nachbarinnen und Nachbarn kennen und trifft nicht bloß Zuständige."

Um die ehrenamtliche Unterstützung der Flüchtlinge zu planen und zu koordinieren, empfahl Jürgen Schöberlein von der Diakonie Hochfranken vor allem, dass Angebote mit den Menschen, für die sie gedacht sind, gemeinsam entwickelt werden sollten. „Man sollte dabei immer die Frage stellen, ‚Was willst Du? Was fehlt Dir?' So kann man reflektieren, welche Unterstützung gebraucht wird und welche Angebote es schon gibt", so Schöberlein. „Wichtig ist auch, dass man eine Kontinuität im Freiwilligen Engagement schaffen kann. Dies ist im Falle der Flüchtlingsarbeit oft besonders schwierig, da die Menschen nicht immer vor Ort bleiben", berichtet er weiter.

„Dieses Engagement und die ganz konkreten Unterstützungsangebote sind ein Zeichen dafür, dass in Rehau bereits eine Willkommenskultur herrscht", ist Birgit Weber überzeugt. „Das, was für die Flüchtlingsarbeit gebraucht wird, ist in den Mehrgenerationenhäusern ja immer schon vorhanden, sich gemeinsam für die Menschen vor Ort zu engagieren, ist das Leitbild, das auch hier zählt", ergänzt Jürgen Schöberlein.