Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

„Das bin ich – da habe ich gewohnt!“ – Erinnerungsreisen im Internet

Im Mehrgenerationenhaus St. Elisabeth im fränkischen Kitzingen begleiten Jugendliche Seniorinnen und Senioren dabei, im Internet ihre Lebensstationen wieder aufzusuchen. Die Bilder von Orten aus der Kindheit, vertraute Musik, das Rezept vom Lieblingsgericht aus Kindertagen –die „Erinnerungs-Pop-Ups“ helfen vor allem Menschen mit Demenz dabei, sich selbst in ihrem Leben zu verorten.

Auf dem Bild sind zwei Seniorinnen abgebildet, die zusammen mit jungen Frauen an Computern im Internet nach Bildern suchen.

Zwei Internetchauffeurinnen im Wintergarten des MGH Kitzingen

Im Mehrgenerationenhaus St. Elisabeth im fränkischen Kitzingen begleiten Jugendliche Seniorinnen und Senioren dabei, im Internet ihre Lebensstationen wieder aufzusuchen. Die Bilder von Orten aus der Kindheit, vertraute Musik, das Rezept vom Lieblingsgericht aus Kindertagen –die „Erinnerungs-Pop-Ups“ helfen vor allem Menschen mit Demenz dabei, sich selbst in ihrem Leben zu verorten.

Digitale Biografiearbeit


Petra Dlugosch ist Koordinatorin im Mehrgenerationenhaus (MGH) in Kitzingen. Das MGH kooperiert mit einer Pflegeeinrichtung. In ihrer Arbeit hatte Petra Dlugosch immer wieder den Eindruck, dass eine Bewohnerin oder ein Bewohner ihr etwas sagen möchte, das sie aber nicht einordnen konnte. Der ‚Olmützer Quargel‘ ist so ein Beispiel. Eine Bewohnerin hat darüber gesprochen, dass sie das als Kind gerne gegessen hat. „Mir sagte das erst einmal gar nichts“, erzählt Dlugosch. „Dann habe ich kurz im Netz recherchiert und konnte der Dame ein Bild von diesem Käse aus ihrer Heimat zeigen. Zufälligerweise kam ein paar Wochen später eine Gruppe Studierender aus Olomouc (Tschechien, deutsch Olmütz) zu uns und wir haben sie darum gebeten, einen solchen Käse für die Seniorin mitzubringen. Diesem Erinnerungsfetzen konnten wir so auch noch den erinnerten Geschmack hinzufügen.“ Andere Seniorinnen und Senioren unternehmen virtuelle Spaziergänge an ihren Geburtsort. „Über die 360°-Ansicht der online Karten kann man ja in vielen Orten spazieren gehen“, sagt die Koordinatorin. „Viele erinnern sich dann zum Beispiel, dass da links jetzt die kleine Brücke kommt oder man gleich die Kirche sehen kann.“

Der Offene Treff des MGH wird nun schon seit drei Jahren mehrmals im Monat zur Zeitmaschine: Jugendliche aus Schulen, den Kirchengemeinden, Praktikantinnen oder Praktikanten des MGH und Studierende chauffieren die Seniorinnen und Senioren virtuell durch deren Vergangenheit. Ausgehend von einem Erinnerungsfetzen startet die gemeinsame Internetrecherche auf dem Tablet oder am Laptop.

Wozu überhaupt Biografiearbeit?


Wenn die eigene Lebensgeschichte langsam vergessen wird, geht ein Teil dessen verloren, was den Menschen ausmacht. „Auch wenn Menschen mit Demenz vielleicht vergessen haben, wie der Ort heißt, in dem sie lange gelebt haben, oder die Firma, bei der sie gearbeitet haben, spüren sie diese Erinnerungslücke,“ sagt Dlugosch. „Mit einem Bild können wir diese Lücken oft besser füllen und die Menschen können sagen: ‚Das bin ich, hier habe ich gewohnt und hier habe ich gearbeitet‘. Wir dokumentieren die gefundenen Erinnerungen in Ordnern, damit sie von den Seniorinnen und Senioren immer wieder hervorgeholt und genutzt werden können.“
In der Betreuung von Menschen mit Demenz kann es sehr wichtig sein, wenn man auch vermeintliche Kleinigkeiten aus deren Leben kennt. „Die Menschen spüren, dass wir sie kennen, wenn wir auch Details aus ihrer Lebensgeschichte wissen und darauf reagieren können“, erläutert Petra Dlugosch. „Damit fühlen sie sich sicherer und sind zufriedener.“

Die Höllenmaschine. Oder was braucht man für Zeitreisen?


„Das ist aber eine Höllenmaschine!“, hat einer der Senioren nach einer Zeitreise in seine Vergangenheit über das Tablet gesagt. „Aber Angst vor der Technik kann ich bei niemandem feststellen. Derselbe Mann hat bei einem Videotelefonat plötzlich zu weinen begonnen, weil er so dankbar war, dass er das noch erleben darf, “ erzählt die Koordinatorin.

Petra Dlugosch macht deutlich, dass diese Form der Biografiearbeit leicht machbar ist: Es braucht lediglich ein Tablet oder ein Notebook, jemanden, die oder der die Zeitreise begleitet, Zeit und WLAN. „Unsere Jugendlichen bereiten wir natürlich auf die Arbeit vor, indem wir ihnen etwas über Demenz erzählen und ihnen auch ein paar gute Einstiegsfragen an die Hand geben“, erläutert Dlugosch. „Außerdem bin ich vor allem am Anfang immer dabei.“

Dass mit diesem Projekt noch weitere Kreise gezogen werden können, zeigt das Beispiel von einem freiwillig Engagierten aus Syrien: Der Jugendliche, der aus Aleppo geflohen ist, hat als Internetchauffeur mit einer Seniorin gearbeitet. Er zeigte ihr dabei auch Bilder aus seiner Heimatstadt vor deren Zerstörung, damit bei ihr keine traumatischen Erinnerungen an ihre Kriegserlebnisse aufgerufen werden. „Als er ihr dann gesagt hat, dass die Stadt leider im Krieg zerstört wurde, hat sie ihm den Arm gestreichelt und ihm zum Trost gesagt, dass sie das kennt. Der junge Mann hat durch seine guten Erfahrungen in der Arbeit mit alten Menschen mittlerweile eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen, “ so Petra Dlugosch.

Digitalisierung und demografischer Wandel


Petra Dlugosch wünscht sich, dass sich diese Methode der digitalen Biografiearbeit etabliert und vor allem in der Betreuung von Menschen mit Demenz genutzt wird. Befürchtungen, dass durch die Digitalisierung der menschliche Kontakt verloren gehen könnte, teilt sie nicht. Ganz im Gegenteil: Bei dieser gemeinsamen Arbeit am Computer kommen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie treffen würden. „Hier wird sozusagen Generationenwissen ausgetauscht“, sagt Dlugosch. „Die jungen Leute lernen viel von den Seniorinnen und Senioren, während diese vom technischen Wissen der Jugendlichen begeistert sind. Außerdem empfinden sie die Arbeit auch als Würdigung ihrer Lebensgeschichte und ihrer Lebensleistungen.“

Petra Dlugosch beschäftigt sich generell mit der Frage, wie man Technik nutzen kann, um den demografischen Wandel zu gestalten. Gemeinsam mit einer ehemaligen Studienkollegin möchte sie gerne eine App entwickeln, mit der sich die digitale Biografiearbeit systematisieren lässt. „Wir haben dazu schon ein gutes Konzept entwickelt, aber noch fehlt uns die Finanzierung, um in die Umsetzung gehen zu können“, berichtet Dlugosch.

Ein weiteres Beispiel für die Arbeit in den MGH finden Sie hier: http://www.br.de/unternehmen/inhalt/medienkompetenzprojekte/audioguides-coburg-mehrgenerationenhaus100.html